Solidarität mit den Betroffenen

Hier findet ihr unseren Text zur Les Madeleines Veranstaltung im Nexus am 21.3.2014.

Solidarität mit den Betroffenen

Zur Kritik der Gruppe „Les Madeleines“ an der Definitionsmacht

Ein Text des Antisexismus-AK Braunschweig (März 2014)

*******Triggerwarnung – Dieser Text thematisiert sexualisierte Gewalt*******

Warum dieser Text?

Mit Les Madeleines (LM) beschäftigten wir uns schon einmal vor etwa einem Jahr. Damals legten wir ihre Texte allerdings schnell beiseite, weil wir ihre Kritik an Definitionsmacht (Defma) nicht weiter-bringend und inhaltlich falsch fanden. Letzten Mai waren dann einige Aktive des AK auf der Veranstaltung „Kein Kavaliersdelikt – eine feministische Kritik der Definitionsmacht“ von LM in Hannover, um sich kritisch mit Defma auseinanderzusetzen. Wir fanden sowohl die Inhalte, die dort vermittelt wurden, als auch das Auftreten von LM unhaltbar und unsensibel. Aus diesem Grund waren wir auch dagegen, die Gruppe ins Nexus einzuladen.

Wir nahmen die Veranstaltungsankündigung der AGB zum Anlass uns dann ein zweites Mal mit den beiden Texten von LM „Kein Kavaliersdelikt“ und „Solidarität mit dem Konzept“ auseinanderzusetzen. Dabei haben wir versucht ihre Argumente rauszufiltern und sie zu diskutieren. Wir fühlten uns dazu ein Stück weit verpflichtet, weil es uns wichtig ist, die Veranstaltung nicht unkommentiert zu lassen. Denn nach den Erfahrungen bei der letzten Veranstaltung rechnen wir nicht damit, dass sie einen geeigneten Rahmen bietet, um über dieses komplexe und sehr emotionale Thema zu diskutieren. In dem Text „Solidarität mit dem Konzept“ begründen LM selbst, weshalb sie über ihre Kritik nicht mehr diskutieren wollen – eine wie wir finden schlechte Voraussetzung für eine Infoveranstaltung.

Für Menschen aus dem AK ist es ein sehr sensibles Thema und wir werden uns offen lassen, wie sehr wir uns die verbale Auseinandersetzung geben. Argumente haben wir trotzdem, daher dieser Text. Wir beziehen uns dabei auf die Aussagen von LM, ohne ihre Quellen geprüft zu haben.

Vorweg

Wir haben entgegen der Meinung von Les Madeleines nicht den Eindruck, „die Szene“ beschäftige sich am liebsten und in erster Linie mit sich selbst. Ganz im Gegenteil beobachten wir, dass der kritische Blick in die eigenen Reihen meist unzureichend bleibt und viele zweifelhafte Verhaltensweisen reproduziert werden. Auch finden wir nicht, wie LM es schildern, dass die Linke Szene alles „total schön“ findet, wie es ist! Gerade pro-DefMa-Gruppen thematisieren immer wieder, dass auch innerhalb der Szene schwerwiegende Probleme vorliegen und versuchen, daran zu arbeiten.

Grundsätzlich geht es uns auch nicht um die Solidarität mit einem Konzept – es geht uns um die Betroffenen und um eine möglichst gute Unterstützung dieser. Um aber eine gute Unterstützung für die_den Betroffene_n zu schaffen, ist in den allermeisten Fällen Vorraussetzung, dass die betroffene Person erstmal Gehör bekommt und sie bezeichnen kann, was ihr widerfahren ist. Defma ist kein zu Ende gedachtes Konzept zum Umgang mit sexualisierter Gewalt*. Für uns ist sie zunächst eine Handlungsgrundlage, die die Bedürfnisse und Definitionen der Betroffenen in den Mittelpunkt stellt und so versucht, die Definitionshoheit, die meist bei den „Herrschenden“ (den Männern*, den Weißen*, den Arbeitgeber_innen usw.) liegt, umzudrehen. Wir befürworten Defma als Handlungsgrundlage, denn wir denken, dass sie einen besseren Umgang mit sexualisierter Gewalt ermöglicht. Deshalb soll jedoch nicht die Illusion entstehen, dass mit Hilfe der Defma das Patriarchat in seiner Gänze abgeschafft werden würde. Die Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt ist ein konkreter und wichtiger Mosaikstein, beseitigt aber nicht das herrschende Geschlechterverhältnis in seinen vielfältigen Ausformungen. Das ist uns bewusst. Jedoch sind wir davon überzeugt, dass Defma nicht kontraproduktiv ist, sondern konkrete Verbesserung schafft. Frauen* sollen durch Defma auch nicht auf ihre Emotionalität festgeschrieben werden – sie sollen überhaupt erst eine Stimme erhalten und die Macht, selbst zu beschreiben, was ihnen passiert ist. Dass dies natürlich auf Emotionen basiert, halten wir auch nicht für falsch [!!!!]. Wir bewerten es als positiv, wenn Menschen einen Zugang zu ihren Emotionen haben und sie nicht wegrationalisiert werden.

Im Folgenden werden wir nach und nach die Argumente von Les Madeleines aufnehmen und unsere Gedanken/Argumente dazu schildern.

Definitionsmacht ist nicht widersprüchlich

LM beschreiben in ihrem Text zunächst einen Widerspruch in der Szene. So würde Defma breit befürwortet, dennoch gäbe es in „der Szene“ ständig Vergewaltigungen.
Für uns ist das kein Widerspruch, weil ein Problem leider nicht durch das alleinige Thematisieren beseitigt wird. Defma hat nach unserem Verständnis in erster Linie auch nicht den Anspruch präventiv zu wirken – wenngleich auch die Prävention selbstverständlich enorm wichtig ist und Konzepte wie Community Accountability noch stärker vorangebracht werden sollten.
Defma ist eine Handlungsgrundlage, um mit den zahlreichen Übergriffen umzugehen und einen besseren Umgang mit sexualisierter Gewalt zu schaffen. Wenn sich dadurch – weil beispielsweise sexualisierte Gewalt so öfter thematisiert wird – zugleich eine präventive Wirkung einstellt, ist das für uns nur zu begrüßen. LM schließen aber in ihr Verständnis von Definitionsmacht ohnehin viel mehr ein als nur die Definitionsmacht. So wird beispielsweise das Zustimmungskonzept, welches wir als Versuch erachten, vorbeugend gegen sexualisierte Gewalt vorzugehen, ebenso als ein Teil von Defma gewertet.
Das Zustimmungskonzept wird zum Beispiel auch als ein Teil von Defma gewertet – welches wir als Versuch betrachten, präventiv gegen sexualisierte Gewalt vorzugehen. Auch dieses Konzept bzw. das Plakat finden wir sinnvoll.

Defma trägt nicht zur Relativierung von sexueller Gewalt* bei

Ein weiteres, wesentliches Argument von LM ist der Vorwurf, dass Defma durch schwammige Begriffe wie „Grenzverletzung“ und „Übergriff“ zur Relativierung und Beschönigung von sexueller Gewalt* und Vergewaltigung (V-Begriff/V) beitragen würde. Für uns geht es bei Definitionsmacht allerdings darum, dass alle Betroffenen von (sexualisierten) Gewalterfahrungen selbst bestimmen können, was ihnen passiert ist. Wie haben nicht den Eindruck, dass der V-Begriff dabei ständig benutzt wird und in seiner Bedeutung verschwimmt. Die Schwere eines solchen Übergriffs geht für uns nicht verloren und das sollte sie auch nicht, wenn er ein Stück weit vom Strafgesetzbuch abgekoppelt wird. Wir hoffen viel mehr, durch Defma Menschen die Möglichkeit zu geben, sich Unterstützung zu holen bei jeder Art von sexualisierter Gewalt. Dadurch sollen Vergewaltigungen nicht verharmlost, sondern viele Arten von sexualisierter Gewalt und deren Folgen sichtbar gemacht werden. Denn eine Vergewaltigung beschreibt für uns die heftigste Form eines sexualisierten Übergriffs, doch um mit den Worten von LM zu sprechen, gibt es für uns noch viele Formen von sexualisierter Gewalt zwischen einer Vergewaltigung und einer nervigen „Dummheit“ oder „Trampeligkeit“.
Viel eher erweckt die starke Konzentration auf den V-Begriff bei uns den Eindruck, dass die verschiedenen Formen sexualisierter Gewalt von LM massiv verharmlost oder völlig ignoriert werden. Es ist für uns wichtig, dass alle Betroffenen von sexualisierter Gewalt eine Stimme und die Möglichkeit haben, ihre Erlebnisse selbst zu bewerten und ihre Erfahrungen nicht angezweifelt oder ihnen abgesprochen werden. Dafür wurden u. a. Begriffe wie sexuelle/sexualisierte Grenzüberschreitung oder Übergriff geschaffen. Für uns hat Defma schon jetzt häufig dazu geführt, dass diese Gewalterfahrungen (oder Grenzüberschreitungen) ernster genommen werden und Menschen sich trauen, solche zu benennen. Beispielsweise passieren viele Übergriffe innerhalb von Beziehungen – Fälle, in denen Menschen sich nicht über ihre Bedürfnisse und Wünsche an körperliche Nähe oder auch Sprache ausgetauscht haben. So wird immer wieder Verhalten reproduziert, das Menschen aus Pornos oder sonstwoher verinnerlicht haben, ohne dass die darunter Leidenden – meistens Mädchen*/Frauen* – ihre Gefühle in einer Weise benennen könnten, die in den Gefühlen bezeugte Verwerflichkeit des Verhaltens zum Ausdruck bringt. Der Rückgriff auf den V-Begriff ist dann nicht selten ein Versuch, der Gefahr zu entgehen, dass ihre Erfahrungen heruntergespielt werden.

Durch Defma wird den Betroffenen die Sprache nicht genommen

Ein weiteres, immer wiederkehrendes Argument von LM lautet, dass den Betroffenen durch Defma die Sprache genommen würde. Sexuelle Gewalt werde zu einem Tabu-Thema erklärt und Betroffene allein gelassen. So verstehen wir Defma nicht und haben auch ganz andere Erfahrungen gemacht. Gerade durch Defma soll ja eine Ebene gefunden werden, um mehr darüber zu reden, zu reflektieren und nach einem möglichst guten Umgang zu suchen – wofür dann auch immer wieder professionelle Hilfe in Anspruch genommen wird. Betroffene dürfen dementsprechend natürlich ganz konkret sprechen und auf diese Weise ihre individuellen Bedürfnissen kommunizieren! Da das Thema sexualisierte Gewalt meist emotional aufgeladen ist, spricht für uns nichts dagegen, wenn sie_er ihre_seine Erlebnisse laut heraus schreien und/oder öffentlich machen will. Es kann immer geschrien werden und es sollte auch immer herausgeschrien werden, wie die Verhältnisse gerade sind. Im Gegenzug sollte es jedoch ebenso legitim sein, dass Betroffene und deren enge Unterstützer_innen auch mal abblocken. Ein sensibler Umgang ist unerlässlich und wenn die_der Betroffene nicht reden will, sollte das auch akzeptiert werden. Wichtig ist jedoch in jedem Falle, dass sie sich nicht rechtfertigen oder irgendwem Beweise liefern muss! Natürlich dürfen Leute Fragen stellen – wichtig ist allerdings, aus welchem Interesse gefragt wird. Soll die_der Betroffene überprüft oder unterstützt werden? Redebedarf sollte sich nicht in Rechtfertigungsnot verkehren.
Wir haben nun keine Ahnung, woher LM nehmen, dass DefMa Therapie ausschließen würde. Dass es eine Kritik an vielen üblichen Umgangsweisen mit Menschen im Gesundheitssystem gibt, ist klar und berechtigt, aber nicht auf alle Formen professioneller Therapie zu pauschalisieren.
Eine Problematik teilen wir allerdings mit Les Madeleines: manchmal ist der Anspruch, eine Definition zu finden, für die Betroffenen überfordernd. Gerade dann ist es jedoch wichtig nicht darauf zu pochen, dass sie möglichst schnell den passenden Begriff parat haben müssten. Viel eher unterstreicht der Mangel an Worten die Notwendigkeit verschiedene Begriffe zu entwickeln. Dies gelingt unserer Auffassung nach immer am besten im Austausch mit den Betroffenen.
Ein zentrales Sprachargument gegen Defma bildet LM zu Folge die mangelnde Objektivität der Begriffe. Insofern etwa Grenzüberschreitung oder auch der V-Begriff subjektiv bestimmt würden, seien sie nicht mehr allgemein kommunizierbar. Dies führe wiederum zur schon besagten Isolation der Betroffenen. Zu bedenken gilt es hier jedoch, dass Sprache in vielen Fällen einen subjektiven Deutungsspielraum für intersubjektiv verständliche Begriffe birgt. Bei Schmerzen oder Hunger kann ich beispielsweise verstehen, was bei dir los ist und mir ungefähr vorstellen, was du gerade brauchst, ohne dass deshalb eine objektive Begriffsbedeutung von Nöten ist. Ich muss nicht wissen, wie sich dein Schmerz für dich konkret anfühlt oder wo deine individuelle Schmerzgrenze liegt, um verstehen zu können, was du mir sagen willst, wenn sie überschritten wird. Das Beispiel verdeutlicht, dass Begriffe eine allgemeinverständliche Bedeutung haben können, die sich jedoch erst in einer individuellen Verwendung konkretisiert. Schmerz hat eine allgemeine und zugleich doch nur subjektiv definierbare Bedeutung. Entsprechendes kann für die Begrifflichkeiten sexualisierter Gewalt gelten. Der Begriff der Grenzüberschreitung hat etwa als Begriff durchaus eine allgemeine Bedeutung – nämlich den, dass eine Grenze überschritten wurde – wenngleich sein konkreter Verwendungsfall, d.h. die Grenze, individuell definiert wird. Entscheidend ist meist ohnehin, das praktische Anliegen hinter den geäußerten Worten, z.B. ein Hilferuf, Frage nach Unterstützung/Kommunikation, Aufforderung, etc.

Defma und Subjektivität

Wie die sprachliche Ebene schon zeigt, liegt ein Schwerpunkt in der Kritik von LM auf der Subjektivität, die Defma vorraussetzt. Für uns muss eine Vergewaltigung nicht objektiv beweisbar sein – das kann sie in vielen Fällen auch nicht. Oft ist es unmöglich, weil die meisten sexualisierten Gewalttaten hinter verschlossenen Türen stattfinden. Dann kann eine V nur nachgewiesen werden, wenn die Betroffene Spuren aufweist – die dazu erforderlichen Untersuchungen werden dabei nicht selten als sehr erniedrigend empfunden. Dann wird in den meisten Fällen dem_der Täter_in mehr Glauben geschenkt, entweder, weil er in fast allen Fällen männlich ist und Männern* in dieser Gesellschaft fast immer die Definitionshoheit zugesprochen wird, oder weil keine Spuren nachzuweisen sind. Zudem wird den Betroffenen immer wieder eine Mitschuld oder ein Verleumdungsinteresse unterstellt oder ihrer Beschreibung aufgrund der Emotionalität jegliche Ernsthaftigkeit abgesprochen. Für uns muss eine V nicht zwangsläufig mit Penetration zusammenhängen, genauso wenig wie sich die Anwendbarkeit des Begriffs nach bestimmten Spuren richten kann.
Von daher stimmt es auch, dass es sehr schwer ist, eine V zu benennen, wenn die Betroffene das nicht so benennen würde. Eine V beinhaltet für uns eine subjektive Empfindung. Wenn jetzt zum Beispiel eine Person von einer sexualisierten Gewalthandlung erzählt, sie den Begriff aber nicht verwendet, finden wir, dass er ihr angeboten werden kann. Letztendlich setzt eine V aber voraus, dass die Handlung nicht in Absprache bzw. mit Zustimmmung passiert ist und das kann nur die Betroffene sagen.
Der Beschreibung oder Definition der Betroffenen sollte erstmal Glauben geschenkt werden, sie sollte jede Unterstützung bekommen, die sie wünscht. Das beinhaltet Definitionsmacht für uns. Ein sinnvoller Umgang mit dem Täter ist davon natürlich völlig abzuspalten, aber trotzdem nicht Teil der Defma.

Defma oder Polizei?

Bezüglich der Kritik, dass den Betroffenen abgeraten würde zur Polizei zu gehen, weil sie dann Szeneinterna aussprechen würden: Wir denken, dass die Entscheidung auch bei der_dem Betroffenen liegen sollte und finden es wichtig, zur Entscheidungshilfe auch die Gefahren daran zu benennen. Die Verurteilungsrate bei Anzeigen wegen V ist niedrig; wenn eine Verurteilung das Ziel ist, stehen die Erfolgsaussichten also nicht besonders gut. Zudem sind es oft männliche Staatsanwälte und Beamte, die die Verfahren führen und sehr detaillierte Fragen stellen müssen. Trotzdem finden wir, dass es auf jeden Fall erlaubt sein sollte mit Staatsbeamten zu sprechen. Dass dabei Szeninterna ausgeplaudert werden, sehen wir nicht als eine allzu akute Gefahr. Dennoch ist – gerade auch in linken Zusammenhängen – die Polizei oft keine gute Ansprechpartnerin: Ihr und der zugehörigen Staatsanwaltschaft geht es weder um die Bedürfnisse der Betroffenen, noch um den Versuch einer Wiedergutmachung, geschweige denn die wirksame Verhinderung von Wiederholungstaten, sondern schlicht und ergreifend ums Strafen gemäß ihrem Gesetzbuch. Da kann der von LM polemisch abgewertete heiße Kakao durchaus sinnvoller sein als der Gang zur Polizei.

Triggerwarnungen

Einen weiteren Widerspruch sehen LM nach unserem Verständnis einerseits in der häufigen Benutzung des Vergewaltigungsbgriffs und andererseites in ebenso häufigen Triggerwarnungen. Unser Eindruck ist dagegen nicht, dass der Begriff inflationär und für alles benutzt wird. Wie oben schon geschrieben, sehen wir keine Verharmlosung. Wir wünschen uns nur einen sensiblen Umgang mit dem Begriff/Thema, weil es viele Betroffene gibt, die keine Lust auf eine ständige Konfrontation damit haben – das muss dann nicht zwangsläufig retraumitisierend sein. Betroffene sollten selbst entscheiden können, wann sie sich mit sexualisierter Gewalt beschäftigen müssen und wann nicht. Außerdem: Das Ansprechen sensibler Themen kann sogar erleichtert werden, weil es einen Umgang mit der Sorge, andere zu überfordern, gibt. Mensch warnt vor und spricht danach umso offener, wäre zumindest das Ideal.
Darüber hinaus kritisieren LM Triggerwarnungen, weil sie nicht von „qualifizierten“ Personen kommen und die Betroffene „zur Landmine“ deklarieren. Dazu nur nochmal: viele Leute haben einfach keine Lust, immer wieder darüber zu sprechen. Wir fühlen uns qualifiziert, derartiges zu behaupten, weil wir Personen kennen oder selbst sind, denen es so geht. Das reicht uns. Betroffene sollen sich nicht vom Leib gehalten, sondern ihnen soll die Wahl gegeben werden, wann sie sich in welcher Intensivität mit einem Thema auseinandersetzen. Gefordert wird also einfach ein sensibler Umgang mit gewissen Themen und Begriffen.

Fehlanwendungen von Defma?

Des Weiteren behaupten LM, dass Kritik eigentlich immer ausgewichen würde. Es würde lediglich auf die Fehlanwendung von Defma hingewiesen. Dieses stände in Widerspruch zu dem Konzept, weil eine Fehlanwendung durch den Subjetivitätsanspruch nicht möglich ist.
Für uns gibt es tatsächlich nur wenige Fälle, in denen eine Fehlanwendung überhaupt möglich erscheint. Falsch ist es aber für uns, wenn Defma automatisch an bestimmte Handlungen geknüpft ist. Dann geht es nach unserem Verständnis nämlich nicht mehr nach den Wünschen der Betroffenen, sondern über sie hinweg. Es wird stumpf irgendeinem nicht existierenden Konzept gefolgt. Von daher haben wir immer wieder „Fehlanwendungen“ bei vermeintlichen Unterstützer_innen beobachtet. Dass jemand willkürlich behauptet, Betroffene eines sexualisierten Übergriffes oder einer V zu sein, halten wir schlicht für sehr unwahrscheinlich.
Zudem würden Kritiker_innen grundsätzlich auf die Täter_innenseite gestellt, ebenso wie Menschen, die weiterhin mit dem_der Täter_in umgehen. Dem ersten Punkt würden wir widersprechen, weil wir diese pauschale Aussage nicht teilen. Wichtig ist ja, was in welcher Weise kritisiert wird, um das zu beurteilen. Für uns geht es um Parteilichkeit und Solidarität mit den Betroffenen von Diskriminierung und Gewalt. Wann ein Täterschutz vorliegt, bleibt an den individuellen Vorfall gebunden. Und ja, es gibt Fälle, da ist es für die betroffene Person zunächst sehr wichtig, dass der_die Täter_in aus bestimmten Räumen oder Zusammenhängen ausgeschlossen wird und in denen ein weiterer Umgang mit der Person – gerade vom engen Umfeld – einer Entsolidarisierung gleichkommt. Übergriffe, Gewalt innerhalb von Zusammenhängen betrifft nunmal nicht nur zwei Personen, sondern alle – entsprechend ist eine Positionierung immer wieder sehr wichtig. Meisten passiert das jedoch nicht.
Wir glauben auch nicht, dass Defma autoritäres Denken fördert und dass so völlig unklar wäre, wann sie gilt. Einen kritischen Blick sollten sich alle immer bewahren, aber das darf nicht bedeuten, zunächst immer den Betroffenen gegenüber misstrauisch zu sein. Ebenso sollten aber natürlich auch die Unterstützer_innen ihre Grenzen im Blick behalten und wenn Wünsche von der Betroffenen nicht erfüllt werden können, sollte dies ehrlich zur Sprache kommen.

Defma und staatliche Sicherheitsdiskurse

LM behaupten dass Defma den staatlichen Sicherheitsdiskurs reproduziere und ein generelles Misstrauen schaffe, was für eine umfassende Prävention eine ständige Selbstkontrolle voraussetzen würde.
Wir wollen nicht, dass ein generelles Misstrauen geschaffen wird, sondern dass die Verhältnisse so benannt werden wie sie sind und dann versucht wird, einen Umgang mit ihnen zu finden bzw. sie zu verändern! In Europa sind laut Befragungen 1/3 aller Frauen* von sexualisierter Gewalt betroffen. Mit der Benennung der Zahlen soll nicht mehr Kontrolle/Überwachung durch den Staat gefordert werden, viel mehr glauben wir, dass diese Gewalt auch Resultat der herrschenden Rollenbilder ist. Diese sollten kritisch reflektiert werden und geschaut, wie wir langfristig die Verhältnisse umschmeissen, aber auch im Hier und Jetzt dagegen wirken können. Selbstkontrolle halten wir aber tatsächlich für angebracht. Gerade weil sexuelle Handlungen so viel Verletzungspotenzial haben, sollten sich Menschen überlegen, was sie möchten und miteinander kommunizieren. Damit meinen wir nicht, dass – wie LM behaupten – jede Berührung immer erfragt werden muss. Das muss sie nicht, wenn zwischen den Beteiligten bereits eine grundsätzliche Absprache existiert. Leute können ja auch für sich entscheiden, dass sie jetzt dies und das zusammen machen wollen und dabei keine Kommunikation mehr nötig ist. Genau darauf will auch das „Nein heißt Nein“-Plakat hinwirken. Es geht darum, Absprachen zu treffen! – nicht um eine bürgerliche Verhandlungsmoral zu reproduzieren, sondern um ein Konsensprinzip, wodurch es allen beim Sex gut gehen und keine Grenzen verletzt werden. Das sehen wir im kompleten Gegensatz zur bürgerlichen Prüderie, bei der es vor allem um Anstand und Sitte und in vielen Fällen um die Befriedigung des Mannes* (in Heterobeziehungen) geht. Dennoch würden wir bei dem „Nein heißt Nein“-Plakat die Zeile „Wer ein Nein nicht akzeptiert, ist ein Vergewaltiger“ eher durch „Wer ein Nein nicht respektiert, riskiert massiv Grenzen zu verletzen/zu überschreiten“ ersetzen – darunter kann dann auch eine V fallen, muss aber nicht. Solche Abwandlungen des Plakats gibt es auch schon.

Defma und die Intimisierung der Szene

Einen Widerspruch in der Argumentation von LM sehen wir noch in dem Vorwurf der Intimisierung der Szene: durch Defma würden sich Aktivist_innen in alles mögliche einmischen. Auf der anderen Seite sagt LM aber zugleich, dass das Thema so zu einem Tabu werde und niemand darüber sprechen dürfe. An diesem Punkt konnten wir nicht mehr folgen und werden daher nicht weiter darauf eingehen. In manchen Fällen glauben wir allerdings auch, dass Aktivist_innen/Unterstützer_innen nicht alles leisten können und es bestimmt gut ist, auf professionelle Hilfe zurückzugreifen. So stehen beispielsweise auch viele Awarenessgruppen in Kontakt mit Beratungsstellen und Therapeut_innen. Selbstverständlich können Awareness-Gruppen nicht immer alles leisten, was gebraucht wird; sie sind halt da, um einen Anfang zu machen.

Defma ist kein Handlungskatalog!

Zuletzt wollen wir noch einmal betonen, dass Definitionsmacht für uns eben keinen Handlungskatalog beinhaltet, der immer rausgeholt werden könnte, um zu schauen, was jetzt zu tun sei. So ein falsches Verständnis haben wir auch schon erleb. Dann wurden Täter_innen ausgeschlossen, ohne dass es sich irgendwer gewünscht hätte. Defma hat für uns nichts mit Strafen zu tun – es soll ja gerade weg vom Strafgesetzbuch. Wenn sich aber als Konsequenz aus dem Schutzbedürfnis von Betroffenen zum Beispiel ergibt, dass jemand aus einem Zusammenhang ausgeschlossen wird (was nicht mal oft der Fall ist), finden wir auch, dass nicht dabei stehen geblieben, sondern mit dem_der Täter_in der Vorfall aufgearbeitet werden sollte. Der Schutz der Betroffenen oder auch anderer potentiell Betroffener sollte jedoch immer erstrangig sein, um einem ungewollten Ausschluss der Betroffenen aus den Zusammenhängen vorzubeugen.

Abschließend möchten wir unterstreichen, dass wir aus verschiedenen Perspektiven sehr gute Erfahrungen mit Definitionsmacht gemacht haben: als Betroffene von sexualisierter Gewalt, Unterstüzer_innen (auch in Awareness-Strukturen) oder Freund_innen von Betroffenen. Außerdem wird für uns durch viele Veröffentlichungen und Veranstaltungen, wie zum Beispiel auch durch die Texte die in Hannover bei der LM-Veranstaltung verteilt wurden, deutlich, dass Definitionsmacht für viele Betroffene von sexualisierter Gewalt sehr hilfreich ist. Defma wurde in autonomen Frauenhäusern entwickelt und war für Betroffene oftmals eine wichtige Grundlage, um Hilfe zu bekommen.


*Zu den Begriffen sexuelle oder sexualisierte Gewalt:

Wir präferieren in unserem Text die Benutzung von ’sexualisierte Gewalt‘, weil wir viele Betroffene kennen, die diesen ebenfalls für passender halten. Außerdem soll er deutlich machen, dass es für die Betroffene nichts mit Sexualität zu tun hat und teilweise für die Täter auch nicht. So bleibt Sexualität positiv besetzt. Für uns geht dabei auch nicht die besondere Schwere eines solchen Übergriffs verloren, weil die Begriffe ’sexual-‘ und ‚Gewalt‘ noch enthalten sind.
Wir lehnen die Verwendung von ’sexuelle Gewalt‘ jedoch nicht ab, wenn dieser Begriff Menschen angemessener erscheint. Daher tauchen beide Begriffe im Text auf. Wenn wir uns auf Passagen von LM beziehen, verwenden wir ihn und wollen ihn auch nicht in Anführungszeichen setzen. Das hätte für uns nämlich tatsächlich nach einer Verharmlosung aussehen können.

Antisexismus-AK Braunschweig, März 2014
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